EU-Politik

01.12.2022

Mit dem bpt in Europa ganz nah dran:

Herbsttagung der europäischen Tierärzteverbände auf Malta

bpt-Präsident Dr. Moder mit AVMA-, WVA-, FVE- und CVMA-Präsidenten

Vom 24. bis 26. November 2022 fanden die Herbsttagungen des Europäischen Praktikerverbands Union of European Veterinary Practitioners (UEVP) und des Dachverbands Federation of Veterinarians of Europe (FVE) auf Malta statt. Eigentlich war die Tagung dort schon für das Frühjahr 2021 geplant, die Pandemie-Situation hatte dies jedoch vereitelt. Nachdem Europas Tierärzte sich in diesem Frühjahr nach zwei Anläufen in London getroffen hatten, war man übereingekommen, sich ausnahmsweise im Herbst nicht wie gewohnt in Brüssel zu treffen, sondern die Zusammenkunft auf der Mittelmeerinsel nachzuholen.

Den bpt vertraten auf den beiden Sitzungen Präsident Dr. Siegfried Moder, die 1. Vizepräsidentin Dr. Petra Sindern, Geschäftsführer Heiko Färber und Europareferentin Gabriele Moog.

Praktiker-Tagung

Am ersten Sitzungstag kommen stets die Sektionen zusammen, beim bpt also die UEVP. Die Agenda bestimmten das Thema „Eine Gesundheit“ (One Health), Marketingchancen in der Veterinär-Branche, der andauernde Krieg in der Ukraine, Fragen der Unabhängigkeit der Berufsträger, das weltweite Voranschreiten der ASP, Finanzthemen, Aus- und Weiterbildung sowie der Tierschutz. In seinem Tätigkeitsbericht blickte UEVP-Präsident Piotr Kwieciński zudem auf den sich nähernden 55jährige Jahrestag der europäischen Praktikerorganisation. Die geplanten Feiern zum 50jährigen Bestehen (ursprünglich vorbereitet als Doppeljubiläum mit der 100-Jahr-Feier der tschechischen Tierärztekammer in Prag) waren 2020 wegen der Lockdowns ins Wasser gefallen.

Interessante Einblicke in einen besonders kleinen Wirtschaftsraum lieferte Carmel Lino Vella, ehemaliger Geschäftsführer der maltesischen Tierärzteorganisation und einer von nur 60 Kleintierpraktikern im Inselstaat Malta. Hier wird der Begriff von der Veterinär-Familie greifbar! Vella schilderte die besonderen Herausforderungen auf einem Markt, der praktisch alles importieren muss, der lediglich eine einzige Kleintierklinik aufbieten kann sowie vier Nutztierpraktiker. Besonderes Augenmerkt liegt auf der Betreuung der zahlreichen Kaninchen, die überwiegend als maltesische Spezialität auf den Tellern der Inselbewohner und ihrer Gäste landen. Nicht immer kommen sie dabei aus einem der beiden existierenden Schlachthöfe.

Eleni Pavlidou aus Griechenland, Präsidentin der seit 2019 bestehenden Plattform „Asclepius One Health“ in Athen, stellte die bemerkenswerten Aktivitäten dieser fachübergreifenden, international tätigen Institution vor. Die Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten auf griechischer und internationaler Ebene zielt nach eigener Auskunft ab auf die Sicherheit und Entwicklung der öffentlichen Gesundheit, auf den Umgang mit der Klima- und Nahrungsmittelkrise und auf den Schutz der Umwelt. „Der One Health-Ansatz ist aktueller denn je“, betonte Pavlidou vor den Delegierten. „Wir sind optimistisch, eine breite Öffentlichkeit damit erreichen zu können.“

Der Krieg und die Tierärzte

Erneut hat eine Delegation aus der Ukraine den Weg zu ihren europäischen Kollegen gefunden, um aus erster Hand zur aktuellen Lage berichten zu können. Innerhalb kürzester Zeit haben die engagierten Kollegen es geschafft, ungeachtet des Krieges einen konkreten Entwurf für eine gesetzliche Grundlage für eine unabhängige ukrainische Selbstverwaltungsorganisation für Tierärzte zu erarbeiten. Damit leisten die ukrainischen Tierärzte sie echte Pionierarbeit – nicht einmal eine greifbare Satistik oder ein Register der Berufsträger existierte bisher in der Ukraine. Insbesondere die Hilfe von polnischer Seite sei dabei eine große Hilfe gewesen.

Treffen mit ukrainischer Tierärzte-Delegation

Auch der bpt hat die ukrainischen Kollegen mit rechtlicher Beratung unterstützt. Eine weitere Herausforderung besteht nun in der Erreichbarkeit der Kollegen, um sie über das laufende Projekt überhaupt informieren zu können. Die partielle Zerstörung der Elektrizitätsversorgung ist hierbei nur ein Aspekt. Auch strukturelle Korruption und das bisherige Fehlen jeglicher Einrichtungen der Selbstverwaltung gehören zu den Herausforderungen.

In einem Einzeltreffen mit Vertretern der ukrainischen Delegation hat der bpt weitere Möglichkeiten der Unterstützung und Kooperation ausgelotet. Der Gedankenaustausch soll zudem auch zwischen den europäischen Tagungen fortgesetzt werden.

Wie steht es um die Unabhängigkeit?

„Berufswege und Unabhängigkeit des Tierarztes“ war ein eigener Themenblock als „heißes Eisen“ („hot topic“) überschrieben. Als gemeinsame Sitzung mit den Kollegen von EVERI (Tierärzte in Ausbildung, Forschung und Industrie) und EASVO (Veterinäre im öffentlichen Dienst) wurde das Thema ausführlich beleuchtet; auch Vertreter der Vet-Studenten (International Veterinary Students' Association, IVSA) kamen zu Wort. Interessenkonflikte im Spannungsfeld von Über-Unterordnungsverhältnissen, Kontrolltätigkeit, Wirtschaftsinteressen, öffentlichen Erwartungen, inneren Einstellungen oder Korruption kamen zur Sprache. Der Umgang mit Investoren(-ketten) wurde ebenfalls angesprochen. Hierzu wird die UEVP auf Anregung des bpt zur nächsten Generalversammlung eine tragfähige gemeinsame Position entwickeln.

bpt-Vizepräsidentin Dr. Petra Sindern warb gemeinsam mit der Dänin Christine Fossing aus dem Vorstand von EVERI (European Veterinarians Education Research and Industry) für die Gruppe IECD (International Collaborative on Extreme Conformations in Dogs), ein seit 2019 existierendes internationales Netzwerk gegen Qualzuchten bei Hunden, das sich in virtuellen Quartalstreffen für tierschutzgerechte Lösungen einsetzt. Bei Interesse an dem Netzwerk kann man unter mmegens@planbveterinair.nl Kontakt aufnehmen.

Zwei Tage Generalversammlung

Die FVE-Delegiertenversammlung fand an den beiden Folgetagen statt. Eine inspirierende Video-Grußbotschaft der aus Malta stammenden Präsidentin des Europäischen Parlaments, Roberta Metsola, zeugte von erfreulich großer Sachkenntnis zu tierärztlichen Themen.

Überschattet wurde der Freitag von einem dramatischen medizinischen Notfall. Kurz nachdem er einem kurzen Vortrag gehalten hatte, brach Milorad Radakovic, Mitglied der britischen Delegation, plötzlich zusammen und musste nach einem Herzinfarkt wiederbelebt werden. Nur dem entschlossenen und hartnäckigen Eingreifen mehrerer Kollegen war zu verdanken, dass sein Leben gerettet werden konnte. Radakovic konnte anschließend einer maltesischen Klinik weiterbehandelt werden.

Positionspapier zu Kokzidiostatika

Zur Kontrolle von Kokzidiostatika bei Geflügel haben die Delegierten mit Blick auf die geänderte Rechtslage durch das neue europäische Tierarzneimittelrecht ein Positionspapier verabschiedet.

Dessen Hauptanliegen besteht darin, Kokzidiostatika als wesentliche Instrumente für die wirksame Bekämpfung der Kokzidiose auch für die Prophylaxe zu erhalten. Im Fall einer Einstufung von als verschreibungspflichtige Tierarzneimittel wäre dies gefährdet. Unterlegt ist diese Position durch Studien, die aufzeigen, dass Kokzidiostatika zur Verbesserung der Nachhaltigkeit und zur Verringerung der Umweltauswirkungen der Treibhausgasemissionen aus der Geflügelproduktion beitragen. Es folgen Empfehlungen des FVE, dass Tierärzte, Geflügelproduzenten und Futtermittelhersteller eng zusammenarbeiten sollten, um eine umfassende Krankheitsüberwachung in den Betrieben zu gewährleisten und sicherzustellen, dass die Strategien zur Kokzidiosebekämpfung auf das gesamte Spektrum der Werkzeuge für eine wirksame Krankheitsbekämpfung zurückgreifen.

Das Positionspapier ist abrufbar unter www.fve.org/publications.

Eine Gesundheit

bpt-Delegation in Malta

Das Thema „Eine Gesundheit“ (One Health) bildete auch bei der FVE einen Schwerpunkt der Tagung. Der gesamte Freitagnachmittag war acht verschiedenen Betrachtungen dazu gewidmet. Vertreten war ein breites Themenspektrum: vom kroatischen Bildungskatalog für öffentliche Gesundheit, das Netzwerk „Eine Gesundheit“ an der Universität von Helsinki, die verschiedenen Initiativen der französischen und britischen Tierärzteverbände über vergleichende Projekte zur Human- und Tier-Onkologie in Italien, das Engagement der Weltorganisation der Tiermedizinstudenten IVSA bis hin zum gemeinsamen internationalen Aktionsplan „Eine Gesundheit“ der Weltorganisation für Tiergesundheit WOAH (vormals OIE).
Aus Deutschland stellte Dr. Iris Fuchs, Vizepräsidentin der BTK, BLTK und UEVH, das Programm des 29. Deutschen Tierärztetags zum Thema „Eine Gesundheit“ vor. Sie verband ihre Ausführungen mit einem engagierten Appell für die Zusammenarbeit aller Disziplinen zum Wohl der Gesundheit von Mensch und Tier.

Andere Tagesordnungspunkte betrafen die Bestandsbesuche nach dem neuen Tiergesundheitsrecht (begleitet von einem interaktiven Austausch zu den Ergebnissen einer FVE-Umfrage dazu), Fragen von Lebensmittelsicherheit und Nachhaltigkeit, antimikrobielle Resistenzen, die Vorteile der intrinsischen Motivation, die aus der Haltung von Tieren resultiert, die Aus- und Weiterbildung, Informationen über Projekte der FVE sowie Bemühungen des Berufsstands rund um psychische Gesundheit. Aus den Ergebnissen einer Umfrage hat die FVE außerdem einen Bericht über Tierarzneimittelengpässe in der EU angefertigt und den Delegierten vorgestellt. Er enthält eine Liste von Ansprechpartnern, die in den Mitgliedstaaten für das Thema zuständig sind. bpt-Präsident Moder lieferte in bewährter Weise als FVE-Schatzmeister einen umfassenden Überblick zu Budget und Finanzen der Organisation. Covid, der Umzug der FVE-Geschäftsstelle, Inflation und Kriegsfolgen haben tiefe Spuren in den Zahlen hinterlassen.

Die Beteiligten hoffen, im Juni 2023 ihre Frühjahrsdelegiertenversammlungen in Präsenz bei den Kollegen in Tschechien ausrichten zu können, deren für Herbst 2021 geplante Jubiläumstagung pandemiebedingt nicht hatte stattfinden können.

Datenschutzhinweis

Diese Webseite nutzt externe Komponenten, wie z.B. Youtube-Videos, welche dazu genutzt werden können, Daten über Ihr Verhalten zu sammeln. Datenschutzinformationen