20.06.2024
Der bpt hat seine Reihe an Zusammentreffen zum Austausch zwischen den befreundeten Tierärzteverbänden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (D-A-CH) am 5. Juni 2024 in Wien fortgesetzt. Für den bpt mit dabei: Präsident Dr. Siegfried Moder und Europareferentin Gabriele Moog. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) war repräsentiert durch deren Präsidenten Dr. Olivier Glardon und den Geschäftsführer Daniel Gerber. Die gastgebende Österreichische Tierärztekammer (ÖTK) war vertreten durch ihren Präsidenten, Mag. Kurt Frühwirth, den Präsidenten des Europäischen Praktikerverbands Union of European Veterinary Practitioners (UEVP) Dr. Volker Moser sowie Mag. Andreas Jerzö, Landesstellenpräsident Oberösterreich.
Gemeinsamkeiten im Strukturwandel
Beim Strukturwandel im Berufsstand sind in den drei Ländern viele Übereinstimmungen festzustellen. Stichworte sind die Entwicklungen zum Nachwuchs- und Fachkräftemangel bei Tierärzten und Tiermedizinischen Fachangestellten, zur Konsolidierungsphase der investorengeführten Praxen und Kliniken („Corporates“), zu allerorten überbordender Bürokratie, zu den (unzeitgemäßen?) Zugangsbedingungen zum Studium oder zur Digitalisierung im Praxisalltag. Ausgelotet wurden auch gemeinsame Ansatzpunkte, um ggf. mit konzertierten Forderungen an Öffentlichkeit, Universitäten und Politik treten zu können.
Größere Unterschiede bestehen aufgrund der völlig unterschiedlichen Rechtslage hingegen bei Kollektivverträgen/Tarifverträgen. Das Thema ist erkennbar in Bewegung: Nach dem ersten Haustarifvertrag in einer kleinen Praxis in Deutschland arbeitet die ÖTK derzeit an einem ersten branchenweiten Kollektivvertrag, wobei die verhandelnden Gruppen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern unter dem gemeinsamen Dach der Kammer agieren können, was so in Deutschland verfassungsrechtlich ausgeschlossen ist.
Ein Ausblick auf das Wirtschaftsforum von bpt, GST und ÖTK am 16. und 17. September 2024 in München stand ebenfalls auf der Agenda. Bei der 2. Auflage der hochkarätigen Veranstaltung, die strategische Fragen der Praxis in den Blick nimmt und sich an unternehmerisch denkende und agierende Führungskräfte der Vet-Branche richtet, hat der bpt die Organisation übernommen. Für 2025 ist das nächste Wirtschaftsforum im Juli in Wien vorgesehen.
Bald private Vet-Fakultät in Österreich?
Monopole sind nicht gut. Das gilt auch für Bildungsstätten. Bisher bildet Österreich Tierärzte nur in Wien aus. Damit das nicht so bleibt, arbeitet die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU), die derzeit mit rund 6.500 Studenten etwa die Hälfte der privat Studierenden im Land ausbildet, an der Gründung einer neuen Tierärztefakultät als Außenstelle in Wels/Oberösterreich. Zu dieser spannenden Entwicklung kamen als Gäste zum Treffen der Rektor der SFU, Prof. Dr. Alfred Pritz, und seine Mitstreiterin, Prof. Dr. Birgit U. Stetina, die mit ihrem Forschungsschwerpunkt in der Mensch-Tier-Beziehung schon große Nähe zur Vet-Szene geknüpft hat. Die Pläne sind in einem konkreten Stadium angelangt – eine interessante Perspektive, nicht allein, wenn man den brisanten Tierärztemangel vor Augen hat. Positiv fiel auf, dass die Initiatoren früh den Kontakt zur Branche aufgenommen haben, denn: „Sie müssen die Tierärzte ausbilden, die in zehn Jahren gebraucht werden,“ so die einmütige Meinung der Runde.
Zukunftstalk
Kein Blick in die Glaskugel, sondern konkret Greifbares stand am Folgetag beim „Zukunftstalk“ der ÖTK auf dem Programm, dem inzwischen als Branchentreff etablierten Netzwerktreffen der österreichischen Tierärzteschaft.
KI-Expertin Alexandra Ebert gelang innert Kurzem, ein realistisches Bild vom Stand der sog. Künstlichen Intelligenz zu entwerfen, die der Folgereferent, Dr. René Heinzl, lieber als „simulierte“ Maschinen-Intelligenz bezeichnet wissen will. Fazit der anschaulichen Beiträge: Angesichts der bisweilen erschreckend rasanten und (manchmal freilich nur vermeintlich) komplexen Entwicklungen nicht in Schockstarre verfallen! Informieren, vorbereiten und: dabei sein. Die neue Technik geht nicht wieder weg. Doch sie muss nicht bedrohlich sein. Digitalisierung wird den Tierarzt nicht ersetzen. Indes dürfte der digitalisierte Tierarzt dem nicht digitalisierten Kollegen durchaus das Wasser abgraben können.
Besonders anschaulich wurde anschließend Dr. Björn Becker aus dem bpt-Arbeitskreis Telemedizin, der als Spezialist zu diesem Thema, über das er auch promoviert wurde, Tipps für die Praxis bereithielt – vom niederschwelligen Einstieg in die digitale Welt bis zur ausgereiften Vollendung.
Weitere Agendapunkte boten Einblick in die Organisation der humanmedizinischen Notfall- und Notdienstversorgung in Österreich sowie Erläuterungen zum brandneuen ÖTK-Positionspapier, einer Richtlinie, mit der die Kammer jüngst die Rahmenbedingungen der Veterinär-Telemedizin in unserem Nachbarland festgehalten hat. Im Vergleich zu den Positionen Deutschlands und der Schweiz (beide hatten schon 2021 Positionen veröffentlicht) ist man bei unseren Nachbarn in der Tendenz etwas restriktiver.

Beim Podium am Nachmittag lotete man die berufspolitische Lage der drei D-A-CH-Länder in Bezug auf Digitalisierung und Telemedizin gemeinsam aus, mit dabei bpt-Präsident Moder, der auch in seiner Funktion als Präsident des europäischen Tierärzteverbands Federation of Veterinarians of Europe (FVE) auftrat und damit rund 300.000 Tierärzte aus 38 Staaten repräsentierte. Eine wichtige Einsicht der Diskussion: Nicht aus Bequemlichkeit den Verlockungen der Arbeitserleichterung durch neue Technik nachgeben! Nur solange der Tierarzt aufgrund eigenen Wissens und selbst erworbener Erfahrung die Ergebnisse der Technik beurteilen, einordnen und ggf. verwerfen bzw. anpassen kann, sind die neuen Werkzeuge verantwortlich nutzbar.
Ein nächstes D-A-CH-Treffen 2025 soll in der Schweiz erneut Gelegenheit zur Vertiefung der Zusammenarbeit bieten.